Eine Kurzgeschichte
Die Kurzgeschichte „Der Traumsammler“ habe ich ursprünglich für einen Kurzgeschichtenwettbewerb geschrieben, bei dem es um finstere Gestalten und Fantasiewesen ging.
Wer die weihnachtliche Variante der Geschichte mit gutem Ende schon im Adventskalender der Federfüchse gelesen hat, kann den Anfang dieses Beitrags überspringen und direkt bei der nächsten Überschrift starten- ab hier wartet die Originalversion mit alternativem Ende.
Die Fänge des Traumsammlers glitzerten im Mondlicht, als er sich durch die Rhododendronbüsche schob. Das Dorf lag ruhig vor ihm, als wäre es genauso eingefroren wie der See, an dem er im Wald vorbeigekommen war. Seine behaarten Füße sanken mit einem Knirschen in den Schnee, der bis zu seinen unteren Fußgelenken reichte. Er kam gern in das kleine Dorf, das sich idyllisch umgeben von Wald an einem Bach erstreckte. Er folgte dem Plätschern des Baches. An den Uferrändern hatten sich erste Eisverkrustungen gebildet, aber in der Mitte strömte ein schmales Rinnsal stetig voran. Die Bewohner waren friedlich, um nicht zu sagen, dass sie nichts von Selbstverteidigung verstanden. Außerdem lebten sie weit abgeschottet von der Außenwelt, sodass – falls sein Auftauchen bemerkt wurde – keine Hilfe von außerhalb zu erwarten war. Vor allem kam er gern zu diesem besonderen Tag ins Dorf der Menschen. Er klickte zufrieden mit seinen Greifern.
Das erste Fachwerkhaus schälte sich vor ihm aus der Dunkelheit. Ein Zimmer war durch ein Feuer im Kamin erleuchtet. Mit seinen Facettenaugen sah er die obere Hälfte eines Tannenbaums, verziert mit bunten Kugeln und einer goldenen Spitze, auf der das Lichtspiel des Feuers tanzte. Der Anblick lockte ihn weiter ins Dorf. Er passierte das Haus des Bürgermeisters und schritt auf dem glatten Kopfsteinpflaster ins Herz des Dorfes. Die Bewohner, die braven Bürger, mussten den Schnee vor der Messe am Heiligabend ein letztes Mal geräumt haben. Sein gehörnter Schatten wanderte neben ihm über die Fassaden der Fachwerkhäuser.
Aus dem Waisenhaus vor ihm klang gedämpftes Gelächter. Vielleicht bekamen die Kinder gerade ihr Weihnachtsessen serviert. Es war gut, wenn sie schön gesättigt in ihren Betten lagen und schliefen. Der Abend vor der Bescherung brachte ihm die fantastischsten Kinderträume. Die Ernte lohnte sich, wenn die Kinder im Tiefschlaf waren und in ihren Träumen das Christkind trafen oder sich die Geschenke am nächsten Tag ausmalten. Gerade die Zöglinge des Waisenhauses waren besonders empfänglich für großartige Träume. Sie hatten nicht viel. Die meisten von ihnen hatten nicht einmal den Wald außerhalb des Dorfes gesehen, aber sie träumten von der mächtigen, weiten Welt und einer erfüllten Zukunft.
Er raspelte mit seinen Greifern, ein Ausdruck seines Unbehagens. Sein Traumvorrat war nahezu aufgebraucht. Die Kinderträume, die er in dieser Nacht einsammelte, mussten seinen Vorrat für ein ganzes Jahr wieder auffüllen und er musste sich beeilen. In den rauchigen Geruch des verbrannten Kaminholzes mischte sich ein kräftiger Bratenduft. Der Traumsammler schlich um das Haus herum. Seine Füße waren zwar behaart, aber sein Fell konnte die Kälte des Schnees nicht lange abhalten. Er musste sich gedulden und warten, bis die Kinder schliefen. So zirkelte er durch die Dorfstraßen, bis er das erste ferne Schnarchen der Kinder aus dem Waisenhaus hörte. Die Ohren, die neben seinen Hörnern saßen, waren hellhörig und konnten einen tiefen Atemzug mühelos bemerken. So war er in der Lage, auch auf große Entfernungen eingeschlafene Kinder auszumachen und dem Ruf der Verlockung ihrer süßen Träume zu folgen.
Er senkte die scharfen Krallen seiner Klauen in die Holzbalken des Fachwerkhauses und kletterte auf das Dach des Waisenhauses. Er kannte die Schwachstelle des Dachfensters und hatte sich diese in den letzten Jahren schon zu Nutze gemacht. Seine Kralle hakte sich in das Loch am Fensterrahmen und nach einem kräftigen Ruck sprang das Fenster auf. Er schlüpfte durch die Öffnung und schnupperte. Da war er, der unverkennbare Duft schlafender Kinder. Er konnte ihre Träume schon fast schmecken. Keine anderen Träume waren so zuckerig und saftig wie die der Kinder. Vor allem auch nahrhaft und gehaltvoll. Er riss sich zusammen und schlich auf seinen Pfotenballen zur Tür des Schlafsaales.
Noch bevor er die Tür öffnete, prasselten die bunten Träume der Kinder wie ein Feuerwerk auf ihn ein. Seine Greifer reagierten mit einem zufriedenen Klicken. Er lechzte danach, endlich Futter und Energie zu bekommen. Im Schlafsaal der Kinder begann er bei dem kleinen Jungen, der bäuchlings auf seiner Matratze ausgestreckt war und am lautesten schnarchte. Ihn würde sobald nichts aufwecken können. Gierig streckte er seinen rechten Greifer aus und erntete den saftig, farbenfrohen Traum eines Weihnachtsmorgens voll mit Lebkuchen und Schokolade. Sein Greifer drehte sich gekonnt und verspann das gewonnene Traummaterial. Als taugrüne Wiesen und das Versprechen nach Spiel auf Sommerwiesen ihn zu dem nächsten schlafenden Kind lockten, trennte er mit der Klinge an dem linken Greifer den Faden des Traummaterials. Er würde einen knallbunten Traumstoff weben, wie er es gern hatte, um damit die Einsamkeit und Fantasielosigkeit seines eigenen Daseins zu füllen. Er streckte den rechten Greifer aus, um den Wiesentraum zu ernten.
„Was willst…?“
Der Traumsammler fuhr zusammen und wagte es nicht, seine Greifer zu schließen, aus Angst, dass das Klicken den Schläfer wecken würde.
Doch das Kind murmelte im Halbschlaf und drehte seinen Kopf ins Kissen, das jeden weiteren Laut erstickte. Nun stiegen die Kinderträume wie Seifenblasen rings um ihn auf und er brauchte sie nur zum Platzen zu bringen. Sorgfältig fing er sie mit dem Greifer ein und verspann sie.
Er war gerade dabei einen hellblauen Traum vom Schwimmen im Meer zu verpacken, als seine Facettenaugen ihm eine Vergrößerung des fünfjährigen Mädchens zeigten, dass regungslos unter seiner Bettdecke lag. Es war eine eigentümliche Art von Stille, die sie umgab – nicht die Stille eines zufriedenen Traums, sondern die Stille der Leere und Traurigkeit.
Kein bunter Traum stieg über ihrem Bett auf. Die anderen schlafenden Kinder lagen hingegen ruhig und erfüllt da oder strampelten in ihren Betten, da sie im Schlaf Aufregendes erlebten.
Seine Greifer raspelten, ohne dass er diese Anwandlung einer Regung verhindern konnte. Er wusste, dass die Zeit knapp war. Dass er jetzt die Träume ernten musste, um einen Traumvorrat an Energie für das kommende Jahr zu haben. Doch eine unsichtbare Macht zog ihn zu dem Bett des Mädchens. Was auch immer die Kleine durchgemacht hatte, getrocknete Tränenspuren zeigten, dass sie sich in den Schlaf geweint hatte. Neben ihm platzte eine seifenrosa Blase, er hatte die Ernte des Traums verpasst. Ohne, dass ihm ganz bewusst war, was er tat, streckte er seinen rechten Greifarm aus und fing den Traum eines Mädchens ein, das zwei Betten weiter schlummerte.
Langsam manövrierte er den ausgestreckten Greifer, der den Traum umklammert hielt, über den Kopf des Kindes vor ihm. Sachte, er durfte den Traum nicht vorher zum Platzen bringen. Kurz überlegte er, unschlüssig, wie er mit dem gesammelten Gut verfahren sollte. Dann senkte er seinen Greifarm ab und legte den Traum auf ihre Stirn, sodass er ihre verweinten Augen halb verdeckte. Nie zuvor in seinem Leben hatte er gesammelte Träume abgegeben, doch er fühlte, dass das, was er tat, richtig war. Sein dunkles Käferherz leuchtete auf wie ein Glühwürmchen bei Nacht, als er der Kleinen den Traum übergab.
Die Mundwinkel des Mädchens hoben sich zu einem Lächeln. Der stille Schlaf wurde entspannt, er konnte es an ihren Händen ablesen, die sich nicht weiter um die Bettdecke verkrampften. Behutsam ließ er den Traum los. Wie eine gelbe Sonne stieg er über dem Mädchen auf und blieb dort in der Schwebe. Ihr Lächeln war ungebrochen. Er hatte eine Verbindung zwischen ihr und dem Traum des anderen Mädchens geschaffen.
Eine Weile beobachtete er das Mädchen, dann holte ihn der Schlag der Kirchturmuhr zu seiner Aufgabe zurück. Er hatte nicht mehr viel Zeit. Geschwind erntete er weitere Kinderträume. Einmal stöhnte eins der Kinder und er verharrte, doch keins erwachte, da sie alle von dem Weihnachtsbraten gesättigt und tief im Land der Träume versunken waren.
Er trug ein dicht gesponnenes Traummaterial nach Hause- abwechslungsreich und üppig. Er wog es in seiner Klaue. Vielleicht war es sogar ein wenig mehr als im letzten Jahr. Dann würde er im nächsten Jahr an Heiligabend mit voller Energie am Werk sein können. Er stieg die Treppe hinab, zog die Tür auf und huschte ins Freie. Der Schneefall hatte erneut eingesetzt und die Spuren seines Raubzuges bereits verwischt.
Er schlenderte entlang des Baches auf die Ausläufer des Dorfes zu. Seine gesponnene Beute hielt er immer noch mit dem Greifer umklammert. Sein Magen füllte sich bei dem bloßen Anblick mit Wärme, die selbst der Schneefall und die eisige Kälte nicht vertreiben konnten. Eine Stärkung vor dem Heimweg konnte nicht schaden. Als er mit seinen Kieferwerkzeugen den ersten Traumfaden abbiss und probierte, schmeckte das Traummaterial süßer als je zuvor. Zufrieden klickten seine Greifzangen bei dem Gedanken an das Mädchen, dem er einen Traum beschert hatte. Er beschloss von nun an, nicht nur Träume zu sammeln, sondern mindestens einen Traum zu verschenken – weil ja, Weihnachten war.
Die Fänge des Traumsammlers glitzerten im Mondlicht, als er sich durch die Rhododendronbüsche schob. Das Dorf lag ruhig vor ihm, als wäre es genauso eingefroren wie der See, an dem er im Wald vorbeigekommen war. Seine behaarten Füße sanken mit einem Knirschen in den Schnee, der bis zu seinen unteren Fußgelenken reichte. Er kam gern in das kleine Dorf, das sich idyllisch umgeben von Wald an einem Bach erstreckte. Er folgte dem Plätschern des Baches. An den Uferrändern hatten sich erste Eisverkrustungen gebildet, aber in der Mitte strömte ein schmales Rinnsal stetig voran. Die Bewohner waren friedlich, um nicht zu sagen, dass sie nichts von Selbstverteidigung verstanden. Außerdem lebten sie weit abgeschottet von der Außenwelt, sodass – falls sein Auftauchen bemerkt wurde – keine Hilfe von außerhalb zu erwarten war. Vor allem kam er gern zu diesem besonderen Tag ins Dorf der Menschen. Er klickte zufrieden mit seinen Greifern.
Das erste Fachwerkhaus schälte sich vor ihm aus der Dunkelheit. Ein Zimmer war durch ein Feuer im Kamin erleuchtet. Mit seinen Facettenaugen sah er die obere Hälfte eines Tannenbaums, verziert mit bunten Kugeln und einer goldenen Spitze, auf der das Lichtspiel des Feuers tanzte. Der Anblick lockte ihn weiter ins Dorf. Ein aufdringlicher Geruch stieg ihm in die feine Nase und er blieb stehen. Er sog die Luft tief ein, auch wenn es ihn Traumenergie kostete. Ein vertrautes Wesen, aber für diesen Ort ein ungewöhnlicher Geruch. Nach zwei Atemzügen verschwand die Duftnote und er setzte seinen Weg fort. Er passierte das Haus des Bürgermeisters und schritt auf dem glatten Kopfsteinpflaster ins Herz des Dorfes. Die Bewohner, die braven Bürger, mussten den Schnee vor der Messe am Heiligabend ein letztes Mal geräumt haben. Sein gehörnter Schatten wanderte neben ihm über die Fassaden der Fachwerkhäuser.
Aus dem Waisenhaus vor ihm klang gedämpftes Gelächter. Vielleicht bekamen die Kinder gerade ihr Weihnachtsessen serviert. Es war gut, wenn sie schön gesättigt in ihren Betten lagen und schliefen. Der Abend vor der Bescherung brachte ihm die fantastischsten Kinderträume. Die Ernte lohnte sich, wenn die Kinder im Tiefschlaf waren und in ihren Träumen das Christkind trafen oder sich die Geschenke am nächsten Tag ausmalten. Gerade die Zöglinge des Waisenhauses waren besonders empfänglich für großartige Träume. Sie hatten nicht viel. Die meisten von ihnen hatten nicht einmal den Wald außerhalb des Dorfes gesehen, aber sie träumten von der mächtigen, weiten Welt und einer erfüllten Zukunft.
Er raspelte mit seinen Greifern, ein Ausdruck seines Unbehagens. Sein Traumvorrat war nahezu aufgebraucht. Die Kinderträume, die er in dieser Nacht einsammelte, mussten seinen Vorrat für ein ganzes Jahr wieder auffüllen.
In den rauchigen Geruch des verbrannten Kaminholzes mischte sich ein kräftiger Bratenduft. Ja, das war gut. Der Bürgermeister hatte sein Versprechen gehalten und dem Waisenhaus wie jedes Jahr ein frisch geschossenes Wildschwein geschenkt. Der Traumsammler schlich um das Haus herum. Seine Füße waren zwar behaart, aber sein Fell konnte die Kälte des Schnees nicht lange abhalten. Er musste sich gedulden und warten, bis die Kinder schliefen. So zirkelte er durch die Dorfstraßen, bis er das erste ferne Schnarchen der Kinder aus dem Waisenhaus hörte. Die Ohren, die neben seinen Hörnern saßen, waren hellhörig und konnten einen tiefen Atemzug mühelos bemerken. So war er in der Lage, auch auf große Entfernungen eingeschlafene Kinder auszumachen und dem Ruf der Verlockung ihrer süßen Träume folgen.
Seine scharfen Krallen legten sich auf den Türknauf des Waisenhauses. Er übte einen leichten Druck aus und die Tür schwang auf. Genauso, wie jedes Jahr seit der Vereinbarung. Die dritte Stufe der Holztreppe ließ er aus. Sie würde mit Sicherheit quietschen wie im Vorjahr. Auf seinen Pfotenballen schlich er in das Dachgeschoss. Noch bevor er die Tür öffnete, prasselten die bunten Träume der Kinder wie ein Feuerwerk auf ihn ein. Seine Greifer reagierten mit einem zufriedenen Klicken. Er lechzte danach, endlich Futter und Energie zu bekommen.
Im Schlafsaal der Kinder begann er bei dem kleinen Jungen, der bäuchlings auf seiner Matratze ausgestreckt war und am lautesten schnarchte. Ihn würde sobald nichts aufwecken können. Gierig streckte er seinen rechten Greifer aus und erntete den saftig, farbenfrohen Traum eines Weihnachtsmorgens voll mit Lebkuchen und Schokolade. Sein Greifer drehte sich gekonnt und verspann das gewonnene Traummaterial. Als taugrüne Wiesen und das Versprechen nach Spiel auf Sommerwiesen ihn zu dem nächsten schlafenden Kind lockten, trennte er mit der Klinge an dem linken Greifer den Faden des Traummaterials. Er würde einen knallbunten Traumstoff weben, wie er es gern hatte, um damit die Einsamkeit und Fantasielosigkeit seines eigenen Daseins zu füllen. Er streckte den rechten Greifer aus, um den Wiesentraum zu ernten.
„Was willst…?“
Der Traumsammler fuhr zusammen und wagte es nicht, seine Greifer zu schließen, aus Angst, dass das Klicken den Schläfer wecken würde.
Doch das Kind murmelte im Halbschlaf und drehte seinen Kopf ins Kissen, das jeden weiteren Laut erstickte.
Der Traumsammler erinnerte sich noch gut an den Abend vor zehn Jahren. Damals hatte er Gruiten Dorf in einer Sommernacht aufgesucht. Vielleicht war das sein größter Fehler gewesen. Die Hitze hatte dafür gesorgt, dass im Dorf alle Schlafzimmerfenster nachts weit offenstanden und die Träume für ihn in Greifweite lagen. Doch was für ihn zunächst ein traumreicher Segen war, hatte sich als fatale Katastrophe herausgestellt, als das Kind verschwitzt aus dem leichten Schlaf erwacht und ihn entdeckt hatte. Glücklicherweise hatte sich das Ereignis für ihn später zu einer reichhaltigen Traumernte gefügt.
Nun stiegen die Kinderträume wie Seifenblasen rings um ihn auf und er brauchte sie nur zum Platzen zu bringen. Sorgfältig fing er sie mit dem Greifer ein und verspann sie. Einmal stöhnte eins der Kinder und er verharrte, doch keins erwachte, da sie alle von dem Weihnachtsbraten gesättigt und tief schliefen.
Er trug ein dicht gesponnenes Traummaterial nach Hause- abwechslungsreich und üppig. Er wog es in seiner Klaue. Vielleicht war es sogar ein wenig mehr als im letzten Jahr. Dann würde er im nächsten Jahr an Heiligabend mit voller Energie am Werk sein können. Er stieg die Treppe hinab, zog die Tür auf und huschte ins Freie. Der Schneefall hatte erneut eingesetzt und die Spuren seines Raubzuges bereits verwischt.
Er schlenderte entlang des Baches auf die Ausläufer des Dorfes zu. Seine gesponnene Beute hielt er immer noch mit dem Greifer umklammert. Sein Magen füllte sich bei dem bloßen Anblick mit Wärme, die selbst der Schneefall und die eisige Kälte nicht vertreiben konnten. Eine Stärkung vor dem Heimweg konnte nicht schaden. Genüsslich wickelte er einen Traumfaden ab und lenkte ihn mit dem Greifer zu seinen Kieferwerkzeugen. Reife Süße schmolz auf seiner Zunge. Keine anderen Träume waren so zuckerig und saftig wie die der Kinder. Vor allem auch nahrhaft und gehaltvoll. Die Energie strömte augenblicklich durch seine Gliedmaßen und er ließ das Haus des Bürgermeisters am Rand des Dorfes hinter sich.
Wenn er in seinen Gedanken nicht bei den köstlichen Kinderträumen gewesen wäre, hätte der Traumsammler mit seinen feinen Sinnen gemerkt, dass er beobachtet wurde.
Aus dem Schatten der Bäume am Bachufer trat eine Gestalt.
Überrascht blieb der Traumsammler stehen. Der stechende Geruch eines verzweifelten Traumsuchers drang in seine Nase. Hier war er also, der andere Traumsammler, den er gewittert hatte.
«Gib sie mir.» Eine Stimme nur halb menschlich vor Gier und Verzweiflung. Die Gestalt trat fordernd nach vorn.
«Du.» Der Traumsammler erkannte die Züge des Bürgermeisters, auch wenn sie durch das schmerzhafte Verlangen verzerrt waren. Seine irren Augen leuchteten, er ging krumm und die knubbeligen Fortsätze unterhalb seiner Schultern, die sich zu Greifern ausbilden würden, waren klar zu erkennen. Die Verwandlung zum Traumsammler hatte begonnen.
«Wir hatten eine Abmachung.» Der Traumsammler ließ den Traumstoff in die Tasche an seiner Seite gleiten, während er den Bürgermeister musterte.
Der Bürgermeister machte einen weiteren Schritt auf den Traumsammler zu. «Diese Träume gehören mir.»
«Die Kinder gehören dir, ihre Träume sind mein. Oder muss ich dich an unseren Pakt erinnern?»
«Nein.» Für die Spur eines Augenblicks wirkte der Bürgermeister menschlich. Wahrscheinlich dachte er an die Nacht vor zehn Jahren, als er mit dem Traumsammler die Abmachung geschlossen hatte. Er war sechzehn gewesen, nun war er älter, doch an seiner Gier hatte sich nichts geändert. «Unser Dorf stirbt», hatte er dem Traumsammler anvertraut. «Ich besorge dir alle Kinderträume, die du zur Stärkung brauchst. Nimm ihnen nur die Träume der weiten Welt. Lass sie einfallslos und fantasielos zurück, damit sie im Dorf bleiben.»
Nach dieser Nacht war der Traumsammler jedes Jahr versorgt worden. Die Waisenkinder waren am Weihnachtsabend satt im Bett, bereit zum Träumen und mit offener Tür für ihn erreichbar gewesen.
Er merkte, dass der Wortwechsel mit dem Bürgermeister an seiner Energie gezehrt hatte. Das Häppchen, das er vom Traummaterial genascht hatte, war winzig gewesen. Es kostete ihn zunehmend mehr Kraft, menschliche Verhaltensweisen aufrecht zu erhalten. In dem Bürgermeister erkannte er das gleiche ausgehöhlte Wesen, das seine Fantasie verloren hatte und nun nach den Träumen anderer trachtete.
Der Bürgermeister sprang auf ihn zu.
Er streckte seine Greifer aus, um sein Gegenüber abzuwehren. Statt dem Arm des Bürgermeisters erhaschte sein Greifer Leere. Sein Sichtfeld verschwamm und seine behaarten Klauen rutschten auf der vereisten Böschung des Bachufers. Er verlor das Gleichgewicht. Mit den Greifern voran schlug er auf dem Boden auf. Hände rollten ihn grob zur Seite und eisiger Schnee presste sich an sein Gesicht. Er spürte, wie die Hände seine Tasche durchwühlten.
Das Letzte, was er hörte, war der triumphierende Ausruf des Bürgermeisters, bevor der Rest Traumenergie seinem grotesken Körper entwich.